Michèle Brunnmeier » Michele Brunnmeier | waldorfinspiriert | Neugeborenenfotografie | Wochenbettfotografie | authentische Familienfotografie | Autorin | liebevolle Handarbeiten

13 Jahre…..

Heute bin ich ein bisschen sentimental, mir ist nämlich beim Aufräumen die Abizeitung meines großen Mädchen vom letzten Jahr  in die Hände geraten und dabei ist mir auch die (selbst geschriebene) Abschlussrede wieder in den Sinn und vor Augen gekommen, die sie damals bei der Verabschiedung in der Waldorfschule vorgetragen hat. Zum Glück ist der Text in der Abizeitung festgehalten – zu schade aber, um darin verborgen zu bleiben!
Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich an die Momente von damals denke, als Madeleine ihren Wortschatz vor so vielen Menschen in der Schule vorgetragen und damit einigen (besonders mir) Tränen in die Augen getrieben hat. Mir ist das Herz augenblicklich in die Rocktasche gerutscht. Es war eine große Überraschung für mich, sie hat mir davor nichts davon erzählt…

Wir Waldis müssen uns ja öfters mal Sachen anhören, über die wir nicht immer lachen können. Als ob Waldorfschüler nur ihren Namen tanzen könnten. Bei unserer DKMS-Typisierungsaktion hatten wir sehr viele Gäste an unserer Schule und man hat nebenbei auf den Fluren so seltsame (aber ernst gemeinte!) Kommentare gehört wie „…Waldorfschule, die haben`s gut, die haben gar kein Mathe„. Oder der Fahrschullehrer meiner Tochter – er hat sich nach ihrem Abiturergebnis erkundigt und dann gemeint: „naja, Waldorfschule, Glück gehabt – wärst du auf einem normalen Gymnasium gewesen, dann wäre deine Abi-Abschlussnote nicht so gut“ (an Waldorfschulen unterscheidet sich das Abitur jedoch kein bisschen von dem an Staatsschulen – Aufsichtslehrer, die das Oberschulamt auswählt und die in der Regel von staatlichen Gymnasien kommen, gibt es natürlich auch!!!!).
Ja, es gibt unglaublich viele Vorurteile, größtenteils von Menschen, die selbst noch nie einen Fuß in eine Waldorfschule gesetzt haben.
Waldorfschulen sind FREIE Schulen, allen gemeinsam ist die Grundlage der Waldorfpädagogik („…und wir lernten zu leben, zu nehmen, zu geben, für`s Leben zu lernen, statt für`s Lernen zu leben“) und doch hat natürlich jede einzelne Waldorfschule ihr ganz eigenes Wesen, wie das auch an anderen Schulen der Fall ist. Die Menschen, die dort zusammen sind, bilden die Schulgemeinschaft – Lehrer, Schüler, Eltern
(„…in dieser großen Gemeinschaft, die sich Schule nennt, in der man jeden kennt, Menschen Freunde nennt“).

Mittlerweile haben zwei unserer sechs Kinder die komplette Waldorflaufbahn samt Waldorfkindergarten & Waldorfschule hinter sich. Wir sind eine ganz normale Familie, auch wenn wir uns vielleicht über dies oder jenes besonders viele Gedanken machen, bzw. uns viele besondere Gedanken machen – wie auch immer… All das hat seinen Sinn und sein Gutes! Aber wir leben nicht hinter`m Mond.

Eine Waldorfschule ist mehr als einfach nur eine Bildungseinrichtung. Sie bietet vor allem einen sehr besonderen LEBENSraum, in dem sich die Schüler während ihrer Schulzeit auf vielfältige Weise erproben und entfalten können – sie werden jedoch nicht allein auf ihren Kopf reduziert. Eben das war bei meiner Tochter wunderschön zu beobachten. Sie hat es sehr genossen, in all die Bereiche einzutauchen, die eine Waldorfschule, bzw. die Waldorfpädagogik bietet – für Hand, Herz und natürlich auch für den Kopf!!!

Ich bin dankbar dafür, Teil dieser besonderen Schulgemeinschaft zu sein. Es macht mich unsagbar glücklich, erleben zu dürfen, was für ein großartiger Mensch nun vor mir steht, das Herz am rechten Fleck, mit beiden Beinen fest auf dem Boden (und dazu glücklicherweise, genau wie ich, den Kopf auch immer mal wieder in den Wolken) – was für eine wundervolle Persönlichkeit, die die Gabe hat, mit berührenden Worten & Gedanken nach 13 Jahren Waldorfschulzeit sehr stimmig und authentisch Revue passieren zu lassen.

Lieben Dank an meine WUNDERsame Tochter Madeleine, dass ich ihren Text veröffentlichen darf.
Manche Dinge verstehen vielleicht nur Insider (den Beginn zum Beispiel, Verzeihung ;-):

Dreizehn Jahre schauten wir Tag für Tag in die Welt, 
in der die Sonne leuchtet,
in der die Sterne funkeln und die Steine lagern,
die Pflanzen lebend wachsen und die Tiere fühlend leben.
Und wir lernten zu leben, zu nehmen, zu geben,
für`s Leben zu lernen, statt für`s Lernen zu leben
und unterzugeh`n in diesem System.
Denn das Geben und Nehmen definiert einen Jeden.
Zu teilen und eben, jedem Achtung zu geben
in dieser großen Gemeinschaft, die sich Schule nennt,
in der man jeden kennt, Menschen Freunde nennt.
Dreizehn Jahre, das ist `ne verdammt lange Zeit,
das sind zwei Drittel unseres Lebens - und jetzt einfach vorbei?
Das ist so leicht gesagt, wenn man nicht danach fragt,
was jetzt kommt und wie viel noch vom Gestern bleibt...
Denn eins ist sicher: Wir haben mehr im Gepäck!
Abitur ist für uns nur Mittel zum Zweck.
Ein Stempel der Gesellschaft, ein Schlüssel zur Tür -
aber wir müssen selber entscheiden, wofür.

"Habt ihr kein` Stress oder macht ihr euch keinen?",
wurden wir öfters gefragt in diesem letzten Jahr.
Neben Abi noch leben - das klingt schwierig, ich weiß -
aber ich seh` uns da als den lebenden Beweis!
"Eine Durchschnittsklasse", "breite Mittelmasse",
"ihr wollt euren Abschluss schaffen? Naja, dass ich nicht lache..."
Das war`n Dinge, die man über unsere Sechzehn manchmal hörte,
auch wenn uns selbst dieses Gerede eigentlich nie so wirklich störte.
Denn wir kennen unsere Stärken, haben Prioritäten -
vor den Noten kommt das Leben und die Freunde gleich daneben.
Eher künstlerisch begabt und sozial sehr engagiert,
theatralisch talentiert, musikalisch motiviert.
Nenn` uns aufgeschlossen, offen, einfach extrovertiert!
Denn ob "Christmas Carol", "Sterben/Erben", "Simpel" oder "Secret Garden",
ja, sogar ein Christgeburtsspiel haben wir gemacht und waren
wandern hier und dort: Gersbach, Hittisau und Juist,
sahen Rom, Berlin und fragten uns, wer unsere Praktikumsmappen liest...
Unser Künstlerischer Abschluss, ja, der war nicht zu verachten,
und jetzt sind wir voller Stolz, dass wir es bis hierher brachten.
Vielleicht sind wir Freaks geworden, doch wir fühlten uns geborgen:
Vollkorn, Stockmar, Birkenstock - keine Ecken, keine Sorgen.

Doch wie alle Gegenschwimmer, hatten wir Klischees zu wahren,
standen da im Wollpullover, Lederranzen und Sandalen
und versuchten teils vergeblich und auch manchmal etwas kläglich,
nicht als 'anders' aufzufallen.
Denn erst später wurde uns klar: Dieses 'anders' macht uns aus!
Und bevor wir uns verstellen, fall`n wir lieber richtig auf!
Ja, die Zeit hat uns gezeigt, welche Chance wir eigentlich haben,
welches Glück wir mit uns tragen, in den bunten Wasserfarben,
dass die Gerade und die Krumme irgendwie doch die Welt bestimmt
und das Wissen und die Weisheit eben nicht dasselbe sind.
Ich weiß, dass ein Ende auch Anfang sein kann,
ein Abschied ein Aufbruch, ein Aufprall ein Klang -
und jetzt steh`n wir hier beisammen, wie die Schirmchen auf dem Löwenzahn:
Gehör`n eigentlich zusammen, doch wir hören schon die Winde nahen,
die uns wirbelnd, suchend treiben, wild zerstreu`n im ganzen Land
und ich wünsch` mir einst zu hören, dass jeder das Gesuchte fand.

© Madeleine Brunnmeier, 2015
www.mademoments.de
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Meine Große ist mir vor wenigen Wochen auch wie so ein Pusteblumenschirmchen hinaus in die weite Welt gepustet worden, was mir kein bisschen leicht fällt und mein Herz ganz sehr schwer macht. So ist das wohl bei Müttern. Es fühlt sich wie ein zweites Abnabeln an, wehmütig und sehr besonders.
Als ich aber gerade ihren poetischen Text nochmal gelesen und abgeschrieben habe, vor allem die letzte Passage…also, hm, *seufz* – das hat mir doch Zuversicht, Mut und Kraft gegeben und insgeheim auch ein leises Glücksgefühl.
Ich freue mich nämlich sehr für mein Kind, wünsche mir von Herzen, dass meine Tochter das Gesuchte (und mehr) findet! Das wünsche ich mir für all meine Kinder!!! Toll, dass sie so viel Mut in sich trägt, diesen großen Lebenshunger, Weltoffenheit und einen starken Willen…
Kein bisschen weltfremd ist sie, ganz im Gegenteil (das ist ja auch immer ein typisches Waldorfvorurteil). Mein großer Sohn ist von Beruf übrigens Informatiker geworden, obwohl man ja immer meint, dass Waldorfschüler keine Ahnung von Medien haben.

Abendgrüße,

Michèle ♥

Anmerkung zu den Bildern oben: die Kunstwerke, Handarbeiten, Aquarelle usw. stammen aus Madeleines Schulzeit (bis auf den Rechenstern ganz oben, den habe ich zusammen mit meinen beiden Kleinen gemacht).
Ach, und wenn ich grade schon mal bei Indieweiteweltweggewehtenpusteblumenkindern bin – hier passenderweise nochmal der link zu Madeleines Video Vagabond.